Vortrittsregeln schaffen Klarheit im Strassenverkehr und helfen, Unfälle zu vermeiden. Wer Vortritt hat und wer warten muss, ist jedoch nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Diese Rechtsfrage erklärt die wichtigsten Vortrittsregeln und häufige Ausnahmen.

Vortritt in Kürze

  • Grundsätzlich gilt Rechtsvortritt.
  • Signale, Weisungen der Polizei und besondere Verkehrsregeln gehen dem Rechtsvortritt vor.
  • Vortrittsrechte dürfen nicht erzwungen werden.
  • Besondere Regeln gelten unter anderem beim Abbiegen, Rückwärtsfahren, im Kreisel und vor Fussgängerstreifen.

Gesetzestext

Die Vortrittsregeln sind im Strassenverkehrsgesetz SVG, in der Verkehrsregelnverordnung VRV und in der Signalisationsverordnung SSV geregelt. Welche Regel gilt, hängt von der jeweiligen Verkehrssituation ab.

Grundsatz des Rechtsvortritts

An Strassenverzweigungen gilt grundsätzlich Rechtsvortritt. Dieser Grundsatz gilt allerdings nur, wenn keine Signale, Markierungen oder Weisungen der Polizei etwas anderes bestimmen (Art. 36 Abs. 2 SVG).

Was sind Strassenverzweigungen?

Als Strassenverzweigungen gelten Kreuzungen, Gabelungen oder Einmündungen von Strassen. Dort gilt grundsätzlich der Rechtsvortritt.

Anders ist die Situation bei Garagen-, Hof-, Fabrik- oder Parkplatzausfahrten sowie bei Feld- und Velowegen. Wer von dort auf eine Strasse fährt, muss den übrigen Verkehrsteilnehmenden den Vortritt gewähren.

Ist die Einordnung eines Verkehrswegs nicht eindeutig, beurteilt sich die Vortrittsfrage nach dessen Bedeutung für den allgemeinen Verkehr.

Ausnahmen vom Rechtsvortritt und weitere spezielle Vortrittsregeln

  • Das Signal «Kein Vortritt» verpflichtet dazu, den Verkehr auf der bevorrechtigten Strasse passieren zu lassen (Art. 36 Abs. 2 SSV).
  • Fahrzeuge auf signalisierten Hauptstrassen haben Vortritt (Art. 36 Abs. 2 Satz 2 SVG).
  • Im Kreisel haben Fahrzeuge im Kreisel bzw. von links herannahende Fahrzeuge Vortritt.
  • Wer links abbiegt, muss dem Gegenverkehr den Vortritt lassen (Art. 36 Ab. 3 SVG).
  • Trams sind vortrittsberechtigt, auch gegenüber Fussgängerinnen und Fussgängern (Art. 38 Abs. 1 SVG).
  • Fahrzeuge der Feuerwehr, Sanität, Polizei und des Zolls, die mit Blaulicht und Sirene unterwegs sind, haben immer Vortritt (Art. 16 Abs. 1 VRV).
  • Fussgängerinnen und Fussgänger haben auf Fussgängerstreifen ((Link auf Rechtsfrage))grundsätzlich Vortritt (Art. 33 SVG, Art. 6 VRV).
  • Wer rückwärtsfährt, wendet oder in den Verkehr einfährt, muss den übrigen Verkehr vorbeilassen (Art. 36 Abs. 4 SVG).
  •  Auf das Vortrittsrecht kann verzichtet werden, etwa durch ein klares Handzeichen.

Was sind die Konsequenzen von Vortrittsmissachtungen?

  • Administrativmassnahmen: Je nach Schwere des Verstosses kann das Strassenverkehrsamt eine Verwarnung aussprechen, den Führerausweis entziehen oder bei Neulenkenden den Führerausweis auf Probe annullieren (Art. 15a, 16a ff. SVG).
  •  Versicherungsrechtliche Folgen: Wer einen Unfall grobfahrlässig verursacht, muss damit rechnen, dass die Versicherung Geld zurückfordert. Dies wird als Regress bezeichnet (Art. 65 Abs. 3 SVG in Verbindung mit Art. 14 Versicherungsvertragsgesetz VVG).
  • Strafrechtliche Folgen: Vortrittsmissachtungen können je nach Schwere des Falls mit einer Busse, einer Geldstrafe oder sogar einer Freiheitsstrafe geahndet werden.

Welche Bedeutung hat der Vortritt für die Verkehrssicherheit?

Fast jeder vierte schwere Unfall im Schweizer Strassenverkehr ist auf Vortrittsmissachtung zurückzuführen. Dabei ist nicht unbedingt fehlende Regelkenntnis das Problem, sondern Unaufmerksamkeit oder schlechte Sichtbarkeit. Trotzdem erhöhen gute Kenntnisse der Vortrittsregeln die Sicherheit.

Beispiel aus der Praxis

Ein Autofahrer beabsichtigte, links auf einen Parkplatz abzubiegen. Dafür musste er den Veloweg auf der Gegenfahrbahn überqueren. Er hielt zwar noch vor dem Veloweg an. Eine entgegenkommende Velofahrerin bremste jedoch stark ab, um eine drohende Kollision zu verhindern und stürzte dabei.

Das Gericht entschied: Wer links abbiegt, darf erst losfahren, wenn sicher ist, dass der Gegenverkehr nicht behindert wird. Vortrittsberechtigte dürfen darauf vertrauen, dass sie ihre Fahrbahnhälfte ungehindert nutzen können. Der Autofahrer wurde zu einer Busse verurteilt (6B_10/2015).

Mehr Informationen

Mehr Informationen zum Sicherheitsabstand finden sich im Ratgeber «Achtung Vortritt» und in der Sammlung von Gerichtsentscheiden auf der BFU-Website. Einfach im Suchfeld «Vortritt» eingeben.

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