Wer im Strassenverkehr unterwegs ist, muss genügend Abstand halten – nach vorne und zur Seite. So bleibt genug Zeit, um auf Bremsmanöver oder unerwartete Situationen zu reagieren. Aber wie viel ist «genug»? Das sagen Gesetz und Rechtsprechung zum Sicherheitsabstand.
Sicherheitsabstand in Kürze
- Genügend Abstand halten – nach vorne und zur Seite.
- Faustregeln wie «Halber Tacho» oder «Zwei-Sekunden-Regel» helfen bei der Orientierung.
- Die Reaktionszeit nicht unterschätzen.
Gesetzestext
Gemäss Art. 34 Abs. 4 Strassenverkehrsgesetz SVG ist gegenüber allen Strassenbenützenden ausreichender Abstand zu wahren, namentlich beim Kreuzen und Überholen sowie beim Neben- und Hintereinanderfahren.
Gemäss Art. 12 Abs. 1 Verkehrsregelnverordnung VRV haben Fahrzeuglenkende beim Hintereinanderfahren einen ausreichenden Abstand zu wahren, sodass sie auch bei überraschendem Bremsen des voranfahrenden Fahrzeugs rechtzeitig halten können.
Wie viel Abstand braucht es?
Das Gesetz nennt keine festen Meterangaben. Entscheidend sind die konkreten Umstände wie Strasse, Verkehr, Sicht und die beteiligten Fahrzeuge. Der Abstand muss so gross sein, dass man sowohl auf kleine Fahrfehler als auch überraschende Bremsmanöver rechtzeitig reagieren kann (Bundesgerichtsurteil 6B_616/2010 und BGE 131 IV 133).
Faustregeln für den Minimalabstand
Die Gerichte beurteilen immer den konkreten Einzelfall. Dabei gelten folgende Faustregeln:
- «Halber Tacho»: Der Abstand sollte mindestens halb so viele Meter betragen wie die gefahrene Geschwindigkeit in km/h. Bei Tempo 120 bedeutet das beispielsweise rund 60 Meter Abstand.
- «Zwei-Sekunden-Regel»: Der Abstand sollte mindestens der Strecke entsprechen, die in zwei Sekunden zurückgelegt wird. Passiert das vorausfahrende Fahrzeug einen bestimmten Punkt, beginnt man zu zählen: 21, 22. Erst danach sollte man diesen Punkt erreichen.
- Für schwere Verstösse auf Autobahnen orientieren sich die Gerichte teilweise an der sogenannten «⅙-Tacho-Regel» bzw. an einem Abstand von höchstens 0,6 Sekunden.
Reaktionszeit nicht unterschätzen
Zwischen dem Erkennen einer Gefahr und dem Bremsen vergeht Zeit. Diese Reaktionszeit umfasst die Wahrnehmung der Situation, die Entscheidung, zu handeln sowie die Bewegung des Fusses auf das Bremspedal.
Deshalb braucht es genügend Abstand, damit bei einer Überraschung genügend Zeit zum Reagieren bleibt.
Welche Bedeutung hat der Sicherheitsabstand im Strassenverkehr?
Wer Abstand hält, gewinnt wertvolle Zeit: zum Wahrnehmen, Einschätzen und Reagieren. So bleibt mehr Spielraum, um bei einem unerwarteten Bremsmanöver, einem Fahrfehler oder einer plötzlichen Gefahr rechtzeitig zu bremsen oder auszuweichen. Ausreichender Abstand hilft deshalb, Auffahrunfälle und gefährliche Situationen zu vermeiden – besonders bei hohem Tempo, dichtem Verkehr, schlechter Sicht oder nasser Fahrbahn.
Was sind die Konsequenzen von ungenügendem Abstand?
- Administrativmassnahmen: Die Massnahmen des Strassenverkehrsamts reichen je nach Schwere des Verstosses von Verwarnung bis zum Führerausweisentzug oder der Annullation des Führerausweises auf Probe bei Neulenkenden (Art. 15a, 16a ff. SVG).
- Versicherungsrechtliche Folgen: Wer einen Unfall grobfahrlässig verursacht, muss damit rechnen, dass die Versicherung Geld zurückfordert (Art. 65 Abs. 3 SVG in Verbindung mit Art. 14 Versicherungsvertragsgesetz VVG. Dies wird als Regress bezeichnet. Das kann der Fall sein, wenn jemand zu wenig Abstand hatte und deshalb einen Unfall verursachte.
- Strafrechtliche Folgen: Wer nicht genügend Abstand hält, riskiert eine Busse, Geldstrafe oder sogar Freiheitsstrafe. Die Polizei kann eine Anzeige erstatten – auch wenn kein Unfall passiert ist.
Beispiele aus der Praxis
Seitlicher Abstand
Ein Autofahrer überholte einen Velofahrer mit lediglich 10 bis 15 cm Abstand. Als der Velofahrer leicht ausscherte, kam es zur Kollision. Das Bundesgericht beurteilte diesen Abstand als klar ungenügend (Bundesgerichtsurteil 6B_576/2007).
Abstand beim Hintereinanderfahren
Ein Autofahrer hielt auf einer Autostrasse bei Tempo 110 km/h über längere Zeit nur rund 10 Meter Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Das entspricht lediglich etwa einem Drittel einer Sekunde. Das Bundesgericht stufte dieses Verhalten als rücksichtslos ein (Bundesgerichtsurteil 131 IV 133).
Mehr Informationen
Mehr Informationen zum Sicherheitsabstand finden sich in der Sammlung von Gerichtsentscheiden auf der BFU-Website. Einfach im Suchfeld «Abstand» eingeben.