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«Sicherheit und Spass sind kein Widerspruch»

In die Zukunft von Sport und Bewegung investieren und einen gesellschaftlichen Mehrwert erzielen – das will die Sport- und Bewegungsförderung 2040 des Bundesamts für Sport (BASPO) und Swiss Olympic. Christof Kaufmann, Leiter Sport und Bewegung der BFU, arbeitet aktiv an diesem Projekt mit und zeigt, wie Spass am Sport, Sicherheit sowie der Nutzen für die Gesellschaft gleichzeitig möglich sind.

No risk, no fun. Ein gewisses Risiko gehört beim Sport dazu. Man will ja auch die eigenen Grenzen ausloten und die Leistung steigern. Aber wie viel Risiko verträgt es?

Christof Kaufmann: Letztlich bestimmt jede erwachsene Person für sich selbst, wie viel Risiko sie beim Sport eingehen möchte. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Sporttreibenden über die Risiken informieren können. Ein Gesundheitsrisiko beim Boxen ist offensichtlich. Aber ob ein Mountainbike-Trail schwierig und damit für ungeübte Bikerinnen und Biker gefährlich ist, diese Information muss zur Verfügung gestellt werden. So können sie vor der Fahrt entscheiden, ob sie dieses Risiko eingehen wollen. Bei Kindern dagegen sind Beulen und blaue Flecken kein Problem. Aber das Risiko, dass sich Kinder beim Sporttreiben schwer verletzen oder sogar sterben, ist nicht akzeptabel. Generell bin ich davon überzeugt, dass «Less risk, more fun!» das stimmigere Motto ist. 

Welche Risiken gehen Sie bewusst beim Sporttreiben ein und wie gehen Sie damit um? 

Ich habe bis vor Kurzem regelmässig Fussball gespielt. Einerseits verzeichnet von den grossen Sportarten Fussball das höchste Risiko für schwere Verletzungen. Andererseits habe ich nicht wettkampfmässig gekickt, sondern mit geringerem Risiko im entspannten Umfeld mit Freunden. Und ich gehe zweimal die Woche ins Fitnesstraining, um mein Verletzungsrisiko zu senken. Nachdem ich diesen Sommer trotzdem einen Kreuzbandriss erlitten habe, werde ich mich künftig auf Sportarten mit weniger intensiven Stop-and-Go-Bewegungen konzentrieren. Es gibt genügend Sportarten, die mir Spass machen und die ein tieferes Verletzungsrisiko haben. Hauptsache Sport! 

Also ist Sport mehr als nur Spass und Selbstverwirklichung. Kommt da das Projekt der Sport- und Bewegungsförderung 2040 vom Bundesamt für Sport (BASPO) und von Swiss Olympic zum richtigen Zeitpunkt? 

Eine fokussierte und breit abgestützte Strategie zu entwickeln, ist immer richtig. Spannend am Projekt finde ich, dass die beiden grossen Player in der Schweizer Sportförderung in die gleiche Richtung gehen und dass sie bei der Entwicklung der Strategie sehr viele Stakeholder einbinden. Das ist vorbildlich, aber natürlich auch sehr aufwendig und komplex. Ich bin gespannt auf das Resultat.

Worum geht es bei dieser Strategie?

Der Bund und der Sportdachverband wollen gemeinsame Leitplanken für die Weiterentwicklung des Schweizer Sports und der Bewegungsförderung festlegen. Damit wir in den nächsten 15 Jahren eine breit abgestützte Grundlage für die Förderung von Sport und Bewegung haben. Und zwar so, dass diese Strategie unserer Gesellschaft den grösstmöglichen Nutzen bringt. Denn Sport und Bewegung haben nicht nur eine positive Wirkung auf den einzelnen Menschen, sondern auch auf die Gesellschaft und die Schweiz als Ganzes. Das zeigt sich auf vielen Ebenen, von der Förderung der persönlichen Gesundheit über die Stärkung des sozialen Zusammenhalts bis hin zum Bildungsbereich. Darüber hinaus tragen Sport und Bewegung zur gesamten Wertschöpfungskette bei und haben Einfluss auf Bereiche wie Tourismus und Kultur. Das Gesamtziel ist es, alle relevanten Akteure auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene sowie aus dem privaten und organisierten Sport in diesem Projekt einzubinden.

Wie ist da die BFU involviert? 

Ich bin in der Arbeitsgruppe, welche sich um das Thema «Lebenslang gesünder, physisch und psychisch» kümmert. Neben mir sind Vertreterinnen und Vertreter von BASPO, BAG, Kantonen, Versicherern, Universitäten, Swiss Olympic und weiteren Sportverbänden dabei. Wir versuchen, die richtigen Massnahmen zu identifizieren, damit möglichst viele Menschen durch Sport und Bewegung gesünder werden und bleiben. Die Gesellschaft würde davon unter anderem durch sinkende Gesundheitskosten massiv profitieren. Das gelingt nur, wenn wir die Anzahl der schweren und mittelschweren Unfälle senken können. Die wenigsten Personen sind sich bewusst, dass sich in der Schweiz über 15 000 Menschen pro Jahr beim Sport so schwer verletzen, dass sie mindestens drei Monate nicht arbeiten können. Das generiert neben Leid auch immense Kosten. 

Ist die Rolle der Unfallprävention in der langfristigen Sport- und Bewegungsförderung 2040 eher als Querschnittsthema oder als eigenständiger Schwerpunkt zu sehen? 

Wenn man weiss, dass die Unfallprävention eines von fünf Zielen des Schweizer Sportförderungsgesetzes ist, müsste sie in dieser Strategie sehr viel mehr Gewicht erhalten. Nicht als eigenständiger Schwerpunkt, sondern als Querschnittsthema. Um schwere Sportunfälle zu verhindern, muss man auf allen Ebenen und in vielen Themenbereichen ansetzen, von der Ausbildung der Trainerinnen und Trainer über die Förderung einer entsprechenden Kultur in den Verbänden und Vereinen bis hin zur Infrastruktur.

Also ein Projekt mit vielen Schnittstellen und Beteiligten. Was braucht es zwischen Akteuren der Unfallprävention, den Sportverbänden und der Gesundheitsförderung, um langfristig wirkungsvolle Massnahmen umzusetzen? 

Es braucht gegenseitiges Verständnis und die Offenheit für gemeinsame, gute Lösungen. Sicherheit und Spass sind kein Widerspruch. Wer sich beim Sporttreiben nicht verletzt, hat nicht nur mehr Spass beim Sport, sondern langfristig auch mehr Erfolg. Gleichzeitig bringt es nichts, wenn eine Sportart zwar absolut sicher betrieben werden kann, die dafür notwendigen Einschränkungen aber so gross sind, dass die Sportart ihren Reiz verliert. Ein Beispiel dafür ist der Bodycheck im Männer-Eishockey. Dessen Abschaffung könnte für das Publikum unattraktiv sein. Ich verstehe, dass man das kritisch sehen kann. In den untersten Amateurligen ist die Situation jedoch anders. Dort gibt es meist nur wenig Publikum, und wichtiger als der Sieg ist, dass die Spielerinnen und Spieler am Montag gesund zur Arbeit gehen können. Eine Abschaffung der Bodychecks in der tiefsten Amateurliga ist deshalb eine wirkungsvolle Präventionsmassnahme, die die Attraktivität der Sportart nicht schmälert; im Gegenteil.

Welche spezifischen Präventionsziele sollte das Projekt aufnehmen, damit die Sport- und Bewegungsförderung 2040 nicht nur attraktiv, sondern auch langfristig sicher gestaltet wird? 

Ich bin überzeugt, dass Sportvereine wichtig sind, damit sich möglichst viele Menschen regelmässig bewegen. Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern Menschen jeden Alters. Allerdings sind Breitensportvereine häufig noch zu sehr auf sportlichen Erfolg fokussiert. Eine nationale Sportstrategie sollte die Förderung der Sportvereine noch stärker ins Zentrum rücken und sie motivieren, wertvoll für die Gesellschaft zu sein, indem sie beispielsweise ein in jeder Beziehung sicheres Bewegungsumfeld bieten oder Bewegungsangebote für ältere Menschen schaffen. Was die Ausbildung von Coaches angeht, haben wir mit Jugend+Sport schon eines der besten Systeme der Welt; das soll so bleiben. Zentral sind zudem die Gestaltung und Wartung von Sportanlagen, damit man sich nicht gleich schwer verletzt, wenn man beim Benützen einen Fehler macht. Das ist gerade vor dem Hintergrund eine grosse Herausforderung, dass es immer mehr Menschen und damit auch mehr Sporttreibende gibt und gleichzeitig immer weniger Raum für Sportanlagen. 

Welchen Beitrag kann Unfallprävention bei der Förderung von Freude an Bewegung und Sport leisten, ohne den Zugang zu erschweren oder Angst vor Risiken zu erzeugen? 

Es ist ein Trugschluss, dass das Bewusstsein über die Verletzungsrisiken Menschen davon abhält, ihren Lieblingssport zu betreiben. Ich behaupte, dass jeder Skifahrer einen anderen Skifahrer kennt, der sich beim Skifahren schwer am Knie verletzt hat. Hören wir deshalb auf mit dem Skifahren? Kaum. Wichtig ist, dass wir beim Kauf eines neuen Skis im Fachgeschäft eine Bindung verlangen, die uns besser vor einer schweren Knieverletzung schützt als herkömmliche Skibindungen. Auch wenn die Auswahl klein ist und die Kosten etwas höher sind. Ausserdem ist wichtig, dass wir auf der Piste Tempo und Fahrstil unserem Können und unseren Kraftreserven anpassen.

«Less risk, more fun» also.

Genau. Wenn sich jemand schwer verletzt und sich deshalb länger nicht sportlich betätigen kann, hat das auch grosse Auswirkungen auf die Psyche. Wer regelmässig Sport treibt, fühlt sich im Alltag besser und hat mehr Energie. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man wegen einer Sportverletzung nicht während Wochen und Monaten zur Untätigkeit gezwungen wird. Das ist die sehr viel grössere Spassbremse, als wenn man das Risiko beim Sporttreiben bewusst dosiert.

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