«Das Knie etwas höher», befiehlt der Algorithmus

«Das Knie etwas höher», befiehlt der Algorithmus
Apps, die unsere sportliche Aktivität messen, kennen wir längst. Bald werden uns Apps aber auch sagen, wie und wann wir Sport treiben sollen. Sie werden zum persönlichen Coach. Die BFU verfolgt diesen Trend aufmerksam.

Antreiben, loben, korrigieren, planen, anpassen, kalkulieren, bremsen, anpeitschen, gratulieren – all das leistet eine gute Sport-Trainerin, all das braucht es für sportlichen Erfolg. Die Technik kann ja mittlerweile viel, aber was ein Trainer mit Herz, Hirn und Erfahrung schafft, das bekommt keine Smartphone-App hin. Oder etwa doch?

Vieles deutet darauf hin, dass genau dieser Schritt bevorsteht: der ernsthafte Versuch, sich von roher Mathematik trainieren zu lassen statt von menschlicher Erfahrung. Dank all der Fitness-Apps, Schrittzähler und Pulsuhren dieser Welt bestehen schon heute enorme Datensätze, die unser Sportverhalten genau dokumentieren: Wann bin ich zuletzt gelaufen und wie weit? Im Wald oder in der Stadt? Wie schnell war ich? Wie schnell schlug mein Herz?

Fitness- und Technikbegeisterte spendieren ihre Daten, präsentieren sie stolz in sozialen Medien. «Vielen geht es um Selbstoptimierung», bestätigt Jelena Maksimovic, wissenschaftliche Mitarbeiterin Sport bei der BFU. «Und viele wünschen sich, ein Computer könnte ihre sportlichen Daten nicht nur sammeln, sondern diese auch auswerten, Muster darin erkennen und Optimierungstipps geben – nach den gleichen Prinzipien wie ein Coach.» Genau deshalb, vermutet Maksimovic, könnte die Rollenverteilung zwischen Athlet, Coach und Technik schon sehr bald in Bewegung geraten.

Die App sagt, wer heute läuft

Die künftige App-Generation kann nicht nur biometrische, sondern auch biomechanische Daten sammeln und aus dieser Kombination persönliche Trainingspläne erstellen. Zu Höchstleistungen anstacheln und den Weg dorthin aufzeigen. Welche Trainingseinheit empfiehlt sich für welchen Tag, wann braucht es eine Steigerung, wann Ruhezeit?

Dazu sind aber noch viel mehr Bewegungsdaten nötig. Deshalb wird intelligente Kleidung entwickelt – vereinzelt gibt es sie bereits: Mit Sensoren ausgestattete T-Shirts, Laufhosen und Accessoires, die der Schwimmerin, dem Ruderer, der Langstreckenläuferin sagen, was zur Rekordleistung noch fehlt. «Die Knie etwas höher, so läufst du schneller», befiehlt dann die App.

Feedback von irgendwoher

Sind das schlechte News für alle Trainer? «Nicht unbedingt», findet Maksimovic. Wenn eine Trainerin lerne, mit den neuen Bewegungsdaten umzugehen, könne sie auch aus der Ferne immer für ihre Athleten da sein und das letzte Training analysieren. «Der Coach kann irgendwo auf der Welt auf den Bildschirm schauen und die Bewegungsdaten seiner Athletin analysieren, die in der Schweiz trainiert», nennt Maksimovic ein Beispiel, bei dem die Sportler doppelt profitieren könnten – erstens von Korrekturanweisungen aus der App, zweitens von der Rückmeldung des menschlichen Trainers.

Früherkennung bewahrt vor Verletzungen

Die technische Überwachung von Athleten und ihren Bewegungen reduziert, wenn geschickt angewandt, auch die Unfall- und Verletzungsgefahr. Wer ungünstige Bewegungsmuster oder Anzeichen für ein Übertraining frühzeitig erkennt und korrigieren kann, trainiert sicherer. Der Ruderer erfährt so vielleicht früher, dass er seine Schultern zu fest nach vorne beugt, die Velofahrerin, dass sie zu hart in die Pedale tritt und die Langstreckenläuferin, dass sie sich mehr Ruhe gönnen sollte. «Der Algorithmus lernt die einzelne Athletin immer besser kennen, seine Anweisungen werden individueller und zuverlässiger», weiss Maksimovic von ihren Beobachtungen an internationalen Sportmessen und in Internet-Communities.

Die soziale Komponente dürfe natürlich nicht zu kurz kommen. Aber diesbezüglich bestehe kein Grund zur Sorge, so die BFU-Expertin: «Athleten haben Krisen und das Bedürfnis nach persönlichem Kontakt. Und dann hilft keine App. Dann braucht es definitiv den Coach. Den echten.» Der darf dann wieder antreiben, loben, korrigieren, planen, anpassen, kalkulieren, bremsen, anpeitschen ... und am Ende gratulieren und umarmen.

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