Forschung & Statistik

Assistierte Fahrfunktionen auf Ausserortsstrassen

Fahrerassistenzsysteme können die Verkehrssicherheit erhöhen – sie haben aber auch ihre Grenzen. Dies gilt insbesondere für die Nutzung von Komfortsystemen auf Ausserortsstrassen. Die neue Studie «Assistierte Fahrfunktionen auf Landstrassen» der BFU, des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) und der deutschen Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeigt die Grenzen und Risiken dieser Systeme auf.

Fahrerassistenzsysteme wie der Notbremsassistent können die Sicherheit im Strassenverkehr deutlich erhöhen. Man muss jedoch zwischen Sicherheitssystemen und Komfortsystemen unterscheiden. Während Erstere einen grossen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten, bergen Letztere Risiken.

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Kilometer fuhr jedes der drei Testfahrzeuge im Rahmen der Studie.

23,7

Stunden betrug die ausgewertete Testzeit.

Zu viel Vertrauen in Systeme ist gefährlich

Komfortsysteme wie der Tempomat und der Spurhalteassistent (kombiniert) unterstützen die Fahrerinnen und Fahrer über einen längeren Zeitraum. Sie helfen, das Fahrzeug mittig in der Spur zu halten und bremsen wenn nötig ab oder geben Gas. Je länger die Systeme unterstützen, desto mehr nimmt die Gefahr von Unaufmerksamkeit und Ablenkung zu. Besonders gefährlich wird es, wenn sich das System nach einer längeren Aktivität plötzlich abschaltet. Fahrzeuglenkende können dann unter Umständen nicht mehr rechtzeitig und angemessen eingreifen. 

Besondere Herausforderungen auf Ausserortsstrassen

Im Vergleich zu Autobahnen – dem eigentlich vorgesehenen Einsatzbereich solcher Komfortsysteme – gibt es auf Ausserortsstrassen engere Kurven, schlechtere Fahrbahnmarkierungen, Gegenverkehr, Kreuzungen und andere Verkehrsteilnehmende. Die Studie zeigt, dass sich daraus drei zentrale Herausforderungen für die Nutzung von Komfortsystemen ergaben:

  • Unzuverlässige Spurführung: Fahrzeuge verliessen die Fahrspur oder drohten auf geraden Strecken in den Gegenverkehr zu geraten, weil das System aufgrund fehlender Fahrbahnmarkierungen zur Fahrbahnmitte lenkte.
  • Fehlerhafte Geschwindigkeitswahl: Sowohl die Wahl einer angemessenen Geschwindigkeit als auch das präzise Erkennen von Geschwindigkeitsbegrenzungen erwiesen sich als fehleranfällig.
  • Widersprüchliche Brems- und Beschleunigungsvorgänge: Ohne klare Orientierungspunkte regulierte das System die Geschwindigkeit fehlerhaft, etwa nach dem Abbiegen eines vorausfahrenden Fahrzeugs oder beim Verlassen eines Kreisels. 

Damit Fahrerinnen und Fahrer sicher unterwegs sind, müssen sie also die Funktionen und Grenzen der Assistenzsysteme kennen. Alle Details dazu lesen Sie in der neuen Studie «Assistierte Fahrfunktionen auf Landstrassen». Die Studie ist auf Deutsch verfügbar.

Abstract

Der Einsatz von assistierten Fahrfunktionen nach SAE-L2 birgt Sicherheitsrisiken, insbesondere, wenn die Systeme die Fahrerinnen und Fahrer über längere Zeiträume bei der Längs- und Querführung unterstützen, ohne sie ausreichend in die Fahraufgabe einzubinden. Eine verminderte aktive Beteiligung (Driver Engagement) kann dazu führen, dass Lenkende bei technischen Einschränkungen oder Systemgrenzen nicht mehr in der Lage sind, rechtzeitig und angemessen einzugreifen. 

L2-Fahrfunktionen wurden primär für den Einsatz auf autobahnähnlichen Strassen konzipiert. Allerdings unterliegen sie keinen gesetzlichen Einschränkungen hinsichtlich ihres Einsatzbereichs, was bedeutet, dass sie prinzipiell auch auf Ausserortsstrassen genutzt werden können. Ausserortsstrassen zeichnen sich jedoch durch eine Vielzahl infrastruktureller Herausforderungen aus, die besondere Anforderungen an diese Technologien stellen. Diese Aspekte werfen die grundlegende Frage auf, ob und inwieweit L2-Fahrfunktionen für den Einsatz auf Ausserortsstrassen geeignet sind und wie ein sicherer Betrieb unter diesen Bedingungen gewährleistet werden kann.

Das Forschungsprojekt verfolgte zwei Ziele: die Leistungsfähigkeit und Sicherheit von L2-Fahrfunktionen auf Ausserortsstrassen zu untersuchen sowie deren Einfluss auf das Driver Engagement näher zu beleuchten. Dazu wurden die Funktionen im realen Verkehr und anschliessend unter kontrollierten Bedingungen anhand neu entwickelter und für Ausserortsstrassen repräsentativer Testszenarien auf dem Testgelände geprüft. 
Die Ergebnisse zeigen, dass eine dauerhaft zu - verlässige Funktion der getesteten Quer- und Längsführungssysteme auf Ausserortsstrassen mit infrastrukturellen Mängeln und den für Ausserortsstrassen typischen komplexeren Verkehrssituationen nicht gewährleistet ist. 

Sicherheitskritische Situationen aus dem Realverkehr konnten in repräsentative Testszenarien für den Einsatz auf der Teststrecke überführt werden. Dies ermöglicht es, aus den Testergebnissen auf der Teststrecke Rückschlüsse auf typische Ausserortsstrassensituationen zu ziehen und bietet eine fundierte Grundlage für die Bewertung der Systemleistung unter kontrollierten Bedingungen. 

Die eingesetzte Methode zur Analyse des Driver Engagements, basierend auf Schömig et al. [9], erlaubte eine vergleichende Bewertung des Fahrverhaltens nach Testszenarien und Fahrzeugen. Mit dieser Methode lassen sich indirekt Rückschlüsse auf das Driver Engagement ziehen. Spezifische Aussagen zur Beteiligung der Lenkerinnen und Lenker sowie zu Art und Ausmass der Einbindung durch die L2-Systeme lassen sich nicht treffen.

Autor/-innen
Hatun Atasayar, Maria Scheibmayr, Florian Schneider, Jasmin Zimmermann, Markus Deublein, Matthias Kühn, Jenö Bende

Publikationsjahr
2025

DOI-Nummer
10.13100/BFU.2.555.01.2025

Zitationsvorschlag
Atasayar H, Scheibmayr M, Schneider F, Zimmermann J, Deublein M, Kühn M, Bende J. Assistierte Fahrfunktionen auf Ausserortsstrassen. Bern: BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2025. Forschung 2.555. DOI:10.13100/BFU.2.555.01.2025

Zur Publikation

  • Assistierte Fahrfunktionen auf Ausserortsstrassen

    Broschüre A4 | 44 Seiten | 2.555 | DOI-Nr. 10.13100/BFU.2.555.01.2025
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