Kinder wollen sich bewegen

Kinder wollen sich bewegen
Kindergärten und Schulen haben die Aufgabe, Kinder zu körperlichen Aktivitäten zu motivieren. Die BFU berät Betreuungs- und Lehrpersonen seit vielen Jahren dabei, die Bewegungsförderung möglichst sicher zu gestalten. Wie man das Unfallrisiko gering hält, weiss Barbara Schürch. Sie leitet die Abteilung Schule und Familie in der BFU und koordiniert das Informationsangebot.

Barbara Schürch, wenn ein Kind einen grossen Bewegungsdrang hat, führt das irgendwann fast unweigerlich zu blauen Flecken, Schrammen oder Löchern im Kopf. Warum haben sich Kinder nicht im Griff?

Kinder finden herausfordernde Aktivitäten attraktiv. Das gehört zu ihrer Entwicklung. So sammeln sie Erfahrungen und können sich selber und ihre Umgebung mit der Zeit besser einschätzen. Leider passieren dabei fast zwangsläufig kleinere Verletzungen. Wir Erwachsenen finden das dann oft zu gefährlich. Wir haben Angst um die Kinder. Diese Angst führt leider oftmals dazu, dass der Bewegungsraum der Kinder allzu sehr eingeschränkt wird. Das ist keine Lösung. Das Bewegungsangebot für Kinder gilt es so aufzubauen, dass Kinder das Risiko selber einschätzen können. Versteckte Gefahren wie scharfe Kanten, spitze Ecken oder Stellen, wo man mit dem Kopf hängenbleiben kann, sind komplett auszuschliessen.

Wäre es aus Sicht der BFU nicht gesünder, die Kinder einfach stillsitzen zu lassen? Mehr Lesen und Rechnen, weniger Bewegungsförderung?

Bewegung ist in vielerlei Hinsicht gesund. Viele Kinder sind heute in der Freizeit jedoch passiver als früher. Dass Kitas und Schulen das kompensieren müssen, kann die BFU durchaus nachvollziehen. Und man hat ja längst erkannt, dass Kinder einen natürlichen Bewegungsdrang haben, den man im Kindergarten oder in den ersten Schuljahren auch gesundheitsfördernd nutzen kann – auch ausserhalb der Turnstunden. Doch bei schulischen Aktivitäten gibt es auch Unfälle, insgesamt jedes Jahr um die 50 000. Wer Bewegung fördert, muss also an die Sicherheit denken. Und das nicht erst, wenn die Aktivität bereits läuft.

Angesichts dieser Zahlen muss einem doch angst und bange werden, wenn man Kinder körperlich fordert?

Kinder können sich mit kleinem Risiko austoben, wenn die Verantwortlichen es gut planen. Bewegungsangebote und Aktivitäten müssen im Voraus hinsichtlich des Verletzungsrisikos beurteilt werden: Sind die Risiken zu hoch, also nicht verantwortbar, muss man die Aktivität streichen oder anpassen. Folgende drei Fragen helfen, den Blick für die Unfallprävention zu schärfen: Was kann passieren?, warum kann es passieren?, wie lässt es sich verhindern?

Also: Versetzen wir uns kurz in eine Lehrperson, die für die Kinder eine Aktivität mit viel Bewegung plant. Was kann dabei passieren?

Bei Bewegungsaktivitäten steigt vor allem die Anzahl von Stürzen und Kollisionen. Kinder können beispielsweise hinfallen, runterfallen, zusammenstossen, sich einklemmen, hängen bleiben. Daraus können Schürfwunden resultieren, Prellungen, Quetschungen. In schwerwiegenderen Fällen auch Knochenbrüche oder Hirnerschütterungen.

Warum passiert es?

Es gibt drei Einflussfaktoren. Erstens die Umwelt, dazu zählen beispielsweise Auswahl und Zustand der vorhandenen Turn- oder Bewegungsgeräte. Wenn die Aktivität im Freien stattfindet, kommt die Witterung dazu. Zweitens die Kinder: Ihre Fähigkeiten, vielmehr aber noch ihre Risikokompetenz, wirken sich massgeblich auf das individuelle Unfallrisiko aus. Auch die Gruppendynamik spielt eine wichtige Rolle. Drittens die Lehr- oder Betreuungspersonen – sie beeinflussen die Kinder dadurch, wie sie sich verhalten, wie gut sie die Aktivität vorbereitet und organisiert haben. Ist die Lehrperson ängstlich, wirkt sich auch das auf das Unfallrisiko der Kinder aus. Im optimalen Fall gestalten Lehrpersonen angemessene Angebote und geben jedem Kind die richtigen Impulse.

Wenn man das alles weiss, passieren dann weniger Unfälle?

Ja, vorausgesetzt, man zieht die richtigen Schlüsse daraus. Welche Präventionsmassnahmen möglich und sinnvoll sind, erklären wir in der Fachdokumentation «Sichere Bewegungsförderung bei Kindern», die in aktualisierter Fassung neu erschienen ist. Das Heft fasst all unsere Erkenntnisse zusammen.

Wie gelangt dieses gesammelte Wissen zu den Lehr- und Betreuungspersonen?

Von der neuen Fachdokumentation und früheren Versionen sind bereits 4800 Exemplare im Umlauf. Die BFU engagiert sich damit in der Aus- und Weiterbildung von Lehr- und Betreuungspersonen. Diesbezüglich arbeitet die BFU auch mit Partnern zusammen. Auf Wunsch leiten wir Lehrveranstaltungen oder Workshops zur Unfallprävention allgemein oder zu konkreteren Themen wie der Bewegungsförderung. An verschiedenen pädagogischen Hochschulen gehören die BFU-Präventionsmodule zum Studium fix dazu.

Wer haftet eigentlich, wenn sich trotzdem ein Kind verletzt?

Wenn trotz aller Vorsichtsmassnahmen ein Kind verunfallt, kann das für die Lehr- oder Betreuungsperson rechtliche Konsequenzen haben. Dann kommt es auf die konkreten Umstände an. Klar ist: Wenn Aktivitäten sorgfältig vorbereitet, die Unfallrisiken berücksichtigt und alle zumutbaren Vorsichtsmassnahmen getroffen wurden, kann einem die Justiz wenig vorwerfen. Und noch etwas anderes ist wichtig: Wenn tatsächlich ein schwerer Unfall passiert, dürften die moralischen Folgen, also etwa Gewissensbisse, für eine Betreuungsperson auch deutlich erträglicher sein, wenn alles seriös vorbereitet war.

  • bfu–Fachdokumentation 2.082 – Sichere Bewegungsförderung bei Kindern

    2.082, Fachdokumentation, Fachdokumentation A4, 32 Seiten, auch erhältlich auf Französisch, Italienisch
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